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Mittwoch, Dezember 07, 2005

Jesus Sutras in China entdeckt


Man könnte meinen, dass uns im Zeitalter der Datenautobahnen nichts mehr überraschen könnte, dass uns alles bekannt wäre. Aber dem ist nicht so. Abenteuerliches taucht manchmal dort auf, wo man es am wenigsten erwartet und es kann aussergewöhnlich sein wie in den alten Erzählungen, oder es kann unsere Geschichte, unsere Vergangenheit in Frage stellen. Es dürfte Sie vielleicht deshalb überraschen zu erfahren, dass die neuesten Erkenntnisse zur Geschichte des frühen Christentums möglicherweise von China kommen. Die folgende Geschichte – erzählt von dem Anthropologen J. Albertsma – lässt das Herz jedes Schatzsuchers höher schlagen.

Eines Tages stiess Martin Palmer – weltbekannter Spezialist für altchinesische religiöse Schriften und die Geschichte des orientalischen Christentums – auf das Buch eines chinesischen Professors, das in den Dreissiger Jahren erschienen war. Darin war die Rede von einem antiken christlichen Ort in China, mit einem fast verblichenen Plan einer chinesischen Pagode mit dem Namen „Ta Ching” – wörtlich „vom römischen Reich”.

Nachforschungen erwiesen den Plan als falsch, aber zufällig befand sich unter den Angaben ein anderes Kloster mit dem Namen „Lo Guan“, das in der zentralen Provinz von Shang Xi liegt, die Professor Palmer gut kennt.

1998 beschlossen Professor Palmer und sein Team, mit ihren Nachforschungen dort anzufangen, und siehe da, das Glück war ihnen hold. Als sie den Hügel bestiegen, der den Tempel überragte, erblickten sie in der Ferne auf einem Berg eine chinesische Pagode. Angespornt durch diese Entdeckung begaben sie sich dahin. Die Pagode, aus der Tang Dynastie und 1300 Jahre alt, wurde im Jahre 1556 nach einem Erdbeben zugemauert.

Sie schien chinesisch zu sein, aber eine sehr alte buddhistische Nonne (115 Jahre alt – noch ein Wunder!) sagte ihnen, dass die Pagode christlichen Ursprungs sei, und ein alter Amulett-Verkäufer erzählte ihnen eine lokale Legende: die Menschen aus dem Westen, die an einen Gott glaubten und das Kloster, die Kirche und die Pagode gebaut hatten, wären nie gestorben.

Als Palmer die benachbarten Gebäude auf der Terrasse betrachtete, realisierte er, dass sie nicht wie alle chinesischen Tempel eine Nord-Süd-Orientierung aufwiesen, sondern eine Ost-West-Orientierung wie die christlichen Stätten im Orient.

Palmer machte die chinesischen Behörden, die mit der Restaurierung und Konsolidierung der Pagode beschäftigt waren, darauf aufmerksam. Sechs Monate später – im Sommer 1999 – wurde er von denselben Behörden zurückgerufen, die, neugierig geworden, seinen Rat suchten.

Palmer wurde ins Innere der wieder eröffneten Pagode geführt. „Als sich unsere Augen allmählich an das Halbdunkle gewöhnten“, erzählt er, „dämmerte es uns langsam, was wir vor unseren Augen hatten.“ Vor ihnen stand eine drei Meter hohe Statue aus Holz und Gips, die die heiligen Berge des Taoismus darstellte, mit einer Grotte im Zentrum im Stil der Tang, erbaut im Jahre 790 – zur gleichen Zeit wie die Pagode. Aber in dieser Grotte befand sich eine vorgebeugte Persönlichkeit, bei der die Stellung der Beine und des Rumpfes – der Rest war verschwunden – überhaupt nicht dem chinesischen Stil entsprach. Palmer erkannte darin eine Szene der Geburt Christi, eine Mutter Maria mit dem Kind.

Die Pagode war Teil eines Komplexes, zu dem noch eine Bibliothek sowie eine christliche Kirche gehörte, alles innerhalb einer kaiserlichen taoistischen Tempelanlage der Tang. Es handelt sich um die älteste Statue der Jungfrau in China, ein Beweise dafür, dass das Christentum in China bereits vor 1400 Jahren existierte. Eine Stele aus dem Jahre 781 erzählt die Geschichte. Das Christentum kam im Jahre 635 in der Form einer offiziellen Mission des Bischofs Alopen nach China: ein orientalisches Christentum, weder romanisch noch byzantinisch, sondern persisch, mit Sitz in Bagdad, das sich über Indien, Zentralasien und Tibet ausbreitete.

Nach seiner Entdeckung vertritt Palmer sogar die These, dass die berühmte chinesische buddhistische Göttin der Barmherzigkeit, Quan Yin, die manchmal mit einem Kind dargestellt wird, vom alten Bild dieser Jungfrau Maria beeinflusst wurde.

Die zweite Entdeckung ist diejenige der Sutras von Jesus, Texte, die von einem Bischof mitgebracht wurden; das Original ist verloren gegangen, aber die chinesische Übersetzung ist erhalten geblieben. Palmer und sein Team sind dabei, die Texte zu übersetzen – und diese könnten die Geschichte des Christentums revolutionieren. Sie erzählen vom Leben, von den Lehren und vom Tod Christi in unzähligen Variationen zu dem, was wir bereits kennen. Marie wurde von einer kühlen, von Gott gesandten Brise besucht; Jesus wurde in einem Obstgarten geboren und nicht in einem Stall; Seine Haare wurden vor seiner Kreuzigung gewaschen.

Die Übersetzung der Sutras von Jesus sind 2002 auf Deutsch erschienen. Für Abenteuer-Liebhaber: die Nachforschungen gehen weiter. Mit Hilfe der Texte hat man ebenfalls die Spuren einer christlichen Kirche im Tibet vom 16. Jahrhundert entdeckt.
Jesus Sutras auf Deutsch